EUROPA  HAT  EINE VERANTWORTUNG

 

Günter Grass
Rede vor dem Europarat
11.10.2000

.......... Von ihnen soll hier die Rede sein. Sie stehen ständig unter Verdacht. Sie sind allerorts nur geduldet, ihre Existenz ist von starren Vorurteilen beschwert. Man hat sie diskriminiert, verfolgt und während zwölf Jahren, als nach deutschen Rassegesetzen Recht gesprochen wurde, deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Sie werden, wenn Schuld eingestanden wird, vergessen oder allenfalls beiläufig genannt. Ich spreche von Sinti und Roma. Die grob geschätzt zwanzig Millionen Angehörigen dieses Volkes bilden die größte und dennoch nicht ausreichend anerkannte Minderheit Europas. Sie sind wie ohne Stimme. Das heißt: Sie sind da, doch dort, wo gesellschaftspolitische Entscheidungen getroffen werden, werden sie nicht wahrgenommen. Wenn von ihrer Kultur die Rede ist, fehlt es nicht an schwärmerischen Hinweisen auf die Zigeunermusik und deren Einflüsse auf spanische, ungarische und deutsche Komponisten. Man tut einerseits so, als bestehe das Volk der Roma aus lauter Geigenvirtuosen, ist aber andererseits nicht bereit, über Proklamationen hinaus dieser so zahlreichen Minderheit zu einem demokratischen Mitspracherecht zu verhelfen.  Ich muß mich korrigieren: In Ansätzen gibt es diese Mitsprache. In der jungen und bisher von den blutigen Wirren des Balkans verschonten Republik Mazedonien sind Abgeordnete aus vier Roma- Parteien im Parlament vertreten. In einigen Stadtbezirken der Hauptstadt ist sogar Romanes, die Sprache der Roma, Amtssprache. Doch in Tschechien, wo selbst unter kommunistischer Herrschaft dem Parlament elf Abgeordnete der Roma-Minderheit angehörten, ist es seit der politischen Wende mit dieser Mitsprache vorbei.

 

  Als kürzlich in Prag ein Kongreß der Internationalen Romani Union stattfand und sich vierhundert Vertreter der weit zerstreuten Minderheit versammelt hatten, wurden all die europaweit zu belegenden Ungerechtigkeiten laut, die seit Jahrhunderten dem Volk der Roma zugefügt werden;    Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung, Verfolgung, Totschlag. So sind zur Zeit von den 280.000 Roma-Angehörigen im Kosovo nur noch acht- bis zehntausend geblieben, die, in Ghettos gepfercht, zu überleben versuchen; der Großteil hat, verfolgt vom Haß und den Gewalttätigkeiten   der Serben und Albaner, die Flucht ergreifen müssen. Die Kfor-Soldaten waren und sind nicht in der Lage, sie vor dem doppelten Haß zu schützen, sei es, weil sie überfordert sind, sei es, weil wieder einmal den Angehörigen des Roma-Volkes Schutz verweigert wird. Und dennoch wurde auf dem Kongreß in Prag kühn und aus verletzten Selbstbewußtsein von der Nation der Roma gesprochen. Ein Beschluß wurde gefaßt, nach dem in Brüssel ein Büro der internationalen Organisation eingerichtet werden soll. Denn auch dort sind die Roma ohne Stimme.

 

Doch das ist und kann nicht genug sein. Eine so große Minderheit, die bei uns in geringerer Zahl, doch in Spanien und Portugal, in Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien überaus zahlreich ist, verlangt nach einem demokratischen Mitspracherecht. Wo anders sollte ein solches Recht verwurzelt sein als hier in Straßburg, im Europäischen Parlament. Es ist nicht damit getan, daß dann und wann so feierliche wie gutwillige Resolutionen verabschiedet werden, die dem Volk der Roma ihre ohnehin unübersehbare Existenz bestätigen. Vielmehr ist es an der Zeit, den hochgesteckten Ansprüchen der immer größer werdenden Europäischen Union gerecht zu werden.

 

Europa muß mehr sein als ein erweiterter Markt und eine auf Wirtschaftsinteressen ausgerichtete Bürokratie. Europa hat eine gemeinsame, wenn auch widerspruchsvolle und allzu oft in Krieg und Gewalt umschlagende Geschichte; seit dem 15.Jahrhundert sind die Gitanes, Gypsies, Zigeuner dieser Geschichte zugehörig, oft genug als Leidtragende. Europa in seiner Vielgestalt hat eine sich wechselseitig inspirierende Kultur; wer wollte leugnen, daß insbesondere die Musik von der Musikalität der Roma beeinflußt worden ist. Und Europa hat eine gemeinsame Verantwortung.

 

Nach einem Jahrhundert, in dem totalitäre Ideologien und Rassenwahn, Weltkriege und  Völkermorde, blindwütige Zerstörung und Massenvertreibungen unseren Kontinent wiederholt an den Abgrund gebracht haben, sich aber schließlich doch ein demokratisches Selbstverständnis   erprobt und endlich auch eingebürgert hat, sollte es möglich sein, der größten Minderheit in Europa im Straßburger Parlament Sitz und Stimme zu geben.

Schon bei der nächsten Europawahl könnten die Vertreter der Roma mit einer gemeinsamen Liste Mandate anstreben. Ich weiß, der Weg bis zu einem demokratischen Wahlgang ist mit Schwierigkeiten besonderer Art gepflastert. Nicht nur die eingefleischten Vorurteile gegenüber Zigeunern werden gegen einen solchen Entschluß wirksam werden, auch wird es nicht leicht sein, die Angehörigen des Roma-Volkes, unter ihnen viele Staatenlose, dazu zu bewegen, sich für eine Wahl registrieren zu lassen. Allein dieses Wort ruft bei ihnen Erinnerungen wach an hunderttausende Familienangehörige, die registriert und mit Hilfe genau geführter Listen verhaftet, deportiert, in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Also ist die Scheu vor einer Registrierung selbst dann, wenn sie für eine demokratische Wahl Voraussetzung ist, verständlich und muß doch  überwunden werden.

 

Hinzu kommt, daß Romanes, die Sprache des Roma-Volkes, nur in Ansätzen verschriftlicht ist. Zwar wird sie in allen europäischen Ländern neben der Landessprache von den Roma und Sinti in jeweiligem Dialekt gesprochen, aber diese innere Verständigung dringt nicht nach draußen. Sie kapselt ab. Sie bot und bietet Schutz. Sie ist die Gemeinsprache der Diskriminierten und Verfolgten. Doch auch diese Widerstände müssen nach und nach überwunden werden. Auf der Prager Tagung der Internationalen Romani Union wurden solche Forderungen laut. Es könnte, zum Beispiel, Aufgabe der europäischen Behörden und der Europäischen Investitionsbank sein, mit einem langfristigen Programm die Sprachentwicklung des Romanes zur Unterrichtssprache zu fördern. Nur so wird sich den Kindern der Roma und Sinti der Weg zu weiterführenden Schulen und in die Universitäten öffnen lassen, nur so können sie in ausreichender Zahl zu Sprechern ihres Volkes werden.

 

Es mag Sie ein wenig verwundern, daß ich hier mit einem Vorschlag aufwarte, dem schier  unüberwindliche Widerstände garantiert sind. Zudem komme ich aus einem Land, dessen Mißstände und Skandale zwar zum Himmel stinken, doch außer Naserümpfen bisher wenig zur Folge gehabt haben. Schließlich sind vor zwei Jahren, anlässlich eines ganz normalen Regierungswechsels, im Amt des Bundeskanzlers zwei Drittel aller Akten gelöscht, vernichtet, geschreddert worden; schließlich weigert sich in Deutschland, einem Land, das noch immer an der Verantwortung für begangene Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus trägt, eine Vielzahl von Industriebetrieben, Schadenersatz für die wenigen noch lebenden Zwangsarbeiter zu zahlen; und schließlich komme ich aus einem Land, in dem rechtsradikaler Straßenterror durch fremdenfeindliche Politik zusätzlich Auftrieb erfährt. Drei Gründe, die mich dazu bringen sollten,      ausschließlich vor der eigenen Tür zu kehren.

 

Doch das hier in Straßburg gesetzte Thema ist von grenzüberschreitender Bedeutung. Und weil es nicht damit getan ist, in wohlformulierten Erklärungen gegen den Rassismus zu protestieren, es vielmehr darauf ankommt, mutig politische Zeichen zu setzen, wiederhole ich meinen Vorschlag als Forderung. Für das Europäische Parlament in Straßburg wäre es ein Gewinn, wenn in ihm die Abgeordneten des Roma-Volkes Sitz und Stimme hätten. Sie sind Europas beweglichste Bürger. Sie überwinden Grenzen. Sie sind mehr als alle anderen bewährte, weil leidgeprüfte Europäer.

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