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EUROPA HAT EINE VERANTWORTUNG |
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Günter Grass |
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.......... Von
ihnen soll hier die Rede sein. Sie stehen ständig unter
Verdacht. Sie sind allerorts nur geduldet, ihre Existenz ist von
starren Vorurteilen beschwert. Man hat sie diskriminiert, verfolgt
und während zwölf Jahren, als nach deutschen Rassegesetzen Recht
gesprochen wurde, deportiert und in Konzentrationslagern
ermordet. Sie werden, wenn Schuld eingestanden wird, vergessen oder
allenfalls beiläufig genannt. Ich spreche von Sinti und Roma.
Die grob geschätzt zwanzig Millionen Angehörigen dieses Volkes
bilden die größte und dennoch nicht ausreichend anerkannte Minderheit
Europas. Sie sind wie ohne Stimme. Das heißt: Sie sind da, doch dort, wo
gesellschaftspolitische Entscheidungen getroffen werden, werden sie nicht
wahrgenommen. Wenn von ihrer Kultur die Rede ist, fehlt es nicht an schwärmerischen
Hinweisen auf die Zigeunermusik und deren Einflüsse auf spanische,
ungarische und deutsche Komponisten. Man tut einerseits so, als bestehe
das Volk der Roma aus lauter Geigenvirtuosen, ist aber andererseits nicht
bereit, über Proklamationen hinaus dieser so zahlreichen Minderheit zu
einem demokratischen Mitspracherecht zu verhelfen. Ich muß mich
korrigieren: In Ansätzen gibt es diese Mitsprache.
In der jungen und bisher von den blutigen Wirren des Balkans verschonten
Republik Mazedonien sind Abgeordnete aus vier Roma- Parteien im Parlament
vertreten. In einigen Stadtbezirken der Hauptstadt ist sogar Romanes, die
Sprache der Roma, Amtssprache. Doch in Tschechien, wo selbst unter
kommunistischer Herrschaft dem Parlament elf Abgeordnete der
Roma-Minderheit angehörten, ist es seit der politischen Wende mit dieser
Mitsprache vorbei.
Als kürzlich in Prag ein Kongreß der Internationalen Romani Union
stattfand und sich vierhundert Vertreter der weit zerstreuten Minderheit
versammelt hatten, wurden all die europaweit zu belegenden
Ungerechtigkeiten laut, die seit Jahrhunderten dem Volk der Roma zugefügt
werden; Diskriminierung,
Ausgrenzung, Vertreibung, Verfolgung, Totschlag. So sind zur Zeit von den
280.000 Roma-Angehörigen im Kosovo nur noch acht- bis zehntausend geblieben,
die, in Ghettos gepfercht, zu überleben versuchen; der Großteil hat,
verfolgt vom Haß und den Gewalttätigkeiten
der Serben und Albaner, die Flucht ergreifen müssen. Die
Kfor-Soldaten waren und sind nicht in der Lage, sie vor dem doppelten Haß
zu schützen, sei es, weil sie überfordert sind, sei es, weil wieder
einmal den Angehörigen des Roma-Volkes Schutz verweigert wird. Und
dennoch wurde auf dem Kongreß in Prag kühn und aus verletzten Selbstbewußtsein
von der Nation der Roma gesprochen. Ein Beschluß wurde gefaßt, nach dem
in Brüssel ein Büro der internationalen Organisation eingerichtet werden
soll. Denn auch dort sind die Roma ohne Stimme.
Doch das ist und kann
nicht genug sein. Eine so große Minderheit, die bei uns in geringerer
Zahl, doch in Spanien und Portugal, in Ungarn, Tschechien, der Slowakei,
Rumänien und Bulgarien überaus zahlreich ist, verlangt nach einem
demokratischen Mitspracherecht. Wo anders sollte ein solches Recht
verwurzelt sein als hier in Straßburg, im Europäischen Parlament. Es ist
nicht damit getan, daß dann und wann so feierliche wie gutwillige
Resolutionen verabschiedet werden, die dem Volk der Roma ihre ohnehin unübersehbare
Existenz bestätigen. Vielmehr ist es an der Zeit, den hochgesteckten
Ansprüchen der immer größer werdenden Europäischen Union gerecht zu
werden.
Europa muß mehr sein
als ein erweiterter Markt und eine auf Wirtschaftsinteressen ausgerichtete
Bürokratie. Europa hat eine gemeinsame, wenn auch widerspruchsvolle und
allzu oft in Krieg und Gewalt umschlagende Geschichte; seit dem
15.Jahrhundert sind die Gitanes, Gypsies, Zigeuner dieser Geschichte zugehörig,
oft genug als Leidtragende. Europa in seiner Vielgestalt hat eine sich
wechselseitig inspirierende Kultur; wer wollte leugnen, daß insbesondere
die Musik von der Musikalität der Roma beeinflußt worden ist. Und Europa
hat eine gemeinsame Verantwortung.
Nach einem Jahrhundert, in dem totalitäre Ideologien und Rassenwahn, Weltkriege und Völkermorde, blindwütige Zerstörung und Massenvertreibungen unseren Kontinent wiederholt an den Abgrund gebracht haben, sich aber schließlich doch ein demokratisches Selbstverständnis erprobt und endlich auch eingebürgert hat, sollte es möglich sein, der größten Minderheit in Europa im Straßburger Parlament Sitz und Stimme zu geben. Schon bei der nächsten
Europawahl könnten die Vertreter der Roma
mit einer gemeinsamen Liste Mandate anstreben. Ich weiß, der Weg bis zu
einem demokratischen Wahlgang ist mit Schwierigkeiten besonderer Art
gepflastert. Nicht nur die eingefleischten Vorurteile gegenüber Zigeunern
werden gegen einen solchen Entschluß wirksam werden, auch wird es nicht
leicht sein, die Angehörigen des Roma-Volkes, unter ihnen viele
Staatenlose, dazu zu bewegen, sich für eine Wahl registrieren zu lassen.
Allein dieses Wort ruft bei ihnen Erinnerungen wach an hunderttausende
Familienangehörige, die registriert und mit Hilfe genau geführter Listen
verhaftet, deportiert, in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.
Also ist die Scheu vor einer Registrierung selbst dann, wenn sie für eine
demokratische Wahl Voraussetzung ist, verständlich und muß doch überwunden
werden.
Hinzu kommt, daß
Romanes, die Sprache des Roma-Volkes, nur in Ansätzen verschriftlicht
ist. Zwar wird sie in allen europäischen Ländern neben der Landessprache
von den Roma und Sinti in jeweiligem Dialekt gesprochen, aber diese innere
Verständigung dringt nicht nach draußen. Sie kapselt ab. Sie bot und
bietet Schutz. Sie ist die Gemeinsprache der Diskriminierten und
Verfolgten. Doch auch diese Widerstände müssen nach und nach überwunden
werden. Auf der Prager Tagung der
Internationalen Romani Union wurden solche Forderungen laut. Es könnte,
zum Beispiel, Aufgabe der europäischen Behörden und der Europäischen
Investitionsbank sein, mit einem langfristigen Programm die
Sprachentwicklung des Romanes zur Unterrichtssprache zu fördern. Nur so
wird sich den Kindern der Roma und Sinti der Weg zu weiterführenden
Schulen und in die Universitäten öffnen lassen, nur so können sie in
ausreichender Zahl zu Sprechern ihres Volkes werden.
Es mag Sie ein wenig
verwundern, daß ich hier mit einem Vorschlag aufwarte, dem schier
unüberwindliche Widerstände garantiert sind. Zudem komme ich aus einem
Land, dessen Mißstände und Skandale zwar zum Himmel stinken, doch außer
Naserümpfen bisher wenig zur Folge gehabt haben. Schließlich sind vor
zwei Jahren, anlässlich eines ganz normalen Regierungswechsels, im Amt
des Bundeskanzlers zwei Drittel aller Akten gelöscht, vernichtet,
geschreddert worden; schließlich weigert sich in Deutschland, einem Land,
das noch immer an der Verantwortung für begangene Verbrechen während der
Zeit des Nationalsozialismus trägt, eine Vielzahl von Industriebetrieben,
Schadenersatz für die wenigen noch lebenden Zwangsarbeiter zu zahlen; und
schließlich komme ich aus einem Land, in dem rechtsradikaler Straßenterror
durch fremdenfeindliche Politik zusätzlich Auftrieb erfährt. Drei Gründe,
die mich dazu bringen sollten,
ausschließlich vor der eigenen Tür zu kehren.
Doch das hier in Straßburg gesetzte Thema ist von grenzüberschreitender Bedeutung. Und weil es nicht damit getan ist, in wohlformulierten Erklärungen gegen den Rassismus zu protestieren, es vielmehr darauf ankommt, mutig politische Zeichen zu setzen, wiederhole ich meinen Vorschlag als Forderung. Für das Europäische Parlament in Straßburg wäre es ein Gewinn, wenn in ihm die Abgeordneten des Roma-Volkes Sitz und Stimme hätten. Sie sind Europas beweglichste Bürger. Sie überwinden Grenzen. Sie sind mehr als alle anderen bewährte, weil leidgeprüfte Europäer. |